| Man
kennt ja die üblichen Bilder: da sitzt ein „Zahnarzt“
am Straßenrand mit einem Sortiment an Prothesen und
versorgt die Patienten. Vorurteile zu pflegen, das kommt eben
an. Die Realität sieht jedoch anders aus…
Zuerst: Pakistan, das asiatische Land, eingeklemmt zwischen
Afghanistan und Indien, mit Kontakt zu China im äußersten
Norden und im Südwesten zu Iran, hat es in der Unruheregion
wirklich nicht leicht. Hervorgegangen aus dem früheren
Kaiserreich Indien unter britischer Herrschaft hat es nach
der Unabhängigkeit Indiens schlimme Auseinandersetzungen
gegeben zwischen der indischen Hindu-Bevölkerung und
der überwiegend islamischen Bevölkerung Pakistans,
und diese Auseinandersetzungen dauern bis heute an. Drei offizielle
Kriege hat es gegeben seit der Unabhängigkeit 1958, und
nach dem letzten hat Pakistan riesige Gebietsverluste hinnehmen
müssen, das heutige Bangladesh wurde abgespalten und
steht nun unter indischem Einfluss.
Die heutige „Islamische Republik Pakistan“ zählt
etwa 170 Mio Einwohner und dank intelligenter Bündnispolitik
– die USA vergelten die Unterstützung im Afghanistankrieg
mit deutlich sichtbarer wirtschaftlicher und militärischer
Unterstützung – auf einem guten Weg heraus aus
der Armut. Erste Hauptstadt war Karachi im Süden, Hafenstadt
und quirlige Metropole. Wie bei Communwealth-Ländern
häufig hat man aber keine Metropole als Hauptstadt haben
wollen und deshalb ab etwa 1960 eine Stadt vollkommen künstlich
aus dem Boden gestampft – Islamabad -, die sich im Norden
Pakistans befindet und mit etwa 1 Mio Einwohnern zu den kleineren
Städten Pakistans zählt.
Was dem ausländischen Besucher sofort auffällt ist
die deutliche Militärpräsenz überall auf den
Straßen und die extrem hohen Anstrengungen um Sicherheit
– die Hotels verfügen alle über Sicherheitsschleusen
mit Metalldetektoren, zahlreiches Wachpersonal kontrolliert
die Autos, man scheint wirklich besorgt um die Sicherheit
der Gäste.
Auch auffällig sind die vielen fabrikneuen Autos, überwiegend
japanischer Hersteller. Man gewinnt den Eindruck, dass die
Pakistanis zu Geld gekommen sind und dieses nun auch gerne
ausgeben.
Und das führt nun ganz unmittelbar zum Thema Zahnmedizin.
Die Zahnärzte dort entsprechen im Ausbildungsstandard
internationalen Maßstäben, sind also keineswegs
dem deutschen Kollegen irgendwie unterlegen. Die Bilder von
den Prothesenhändlern auf der Straße, die betreffen
Zahntechniker, nicht Zahnärzte – und Dentisten
hat sich Deutschland bis vor gar nicht so langer Zeit auch
geleistet…
„Richtige“ Zahnärzte, die haben´s gut
in Pakistan. Auf jeden Zahnarzt kommen statistisch 100 000
Patienten, und der Behandlungsbedarf ist enorm. Bedingt durch
den Islam – striktes Alkoholverbot! – werden praktisch
ausschließlich „Softdrinks“ konsumiert,
mit den bekannt verheerenden Folgen für die Zahngesundheit.
Erosionsschäden und massive Karies, typische Folgen,
kann man überall sehen – und, die Pakistanis essen
auch noch gerne Süßigkeiten. Nach Auskunft der
Kollegen vor Ort sind auch Parodontalerkrankungen (Parodontitis)
weiter verbreitet als international (die WHO gibt weltweit
50 Prozent an), da geht die Arbeit wohl nie aus, jedenfalls
erlebt das keiner der heutigen Zahnärzte mehr, obgleich
große Anstrengungen unternommen werden, die Relation
Zahnarzt/Patient zu verbessern. Zahlreiche Universitäten
bilden aus, z.B. findet sich in Lahore eine der ältesten
universitären Einrichtungen (noch von Engländern
gegründet), die wohl mehr frisch gebackene Zahnärzte
jährlich ins Berufsleben entlässt als die größte
hierzulande. Dabei sind die Unis richtig modern ausgestattet,
wobei eine eigene Produktion von Dentaleinheiten die Investitionen
wohl in erträglichem Rahmen hält. Schlecht sehen
die aber nicht aus.
Eine Sozialversicherung nach unseren Vorstellungen gibt es
in Pakistan nicht, der Zahnarzt in der Privatpraxis hängt
eine Preisliste aus, und die Patienten zahlen bar. Wie in
der Schweiz. Für die Bedürftigen – und davon
gibt’s viele, da besteht gar kein Zweifel – stehen
die staatlichen Einrichtungen offen: Unikliniken, Militärhospitäler
und religiöse Krankenhäuser.
Was kostet nun Zahnmedizin in Pakistan? Ein Implantat –
wird häufig nachgefragt, die haben da ganz nette Zuwachsraten
– kostet umgerechnet 1000 €. Das muss man in Relation
sehen: die Angestellten der Praxis bekommen monatlich maximal
150 € ausbezahlt, ohne Zusatzkosten. Und die Zahntechnik
ist auch quasi umsonst – wenn da 50 € für
eine Krone anfallen war´s eine Spitzenleistung.
Endo-Behandlungen werden ebenfalls zunehmend nachgefragt,
die kostet etwa 100 € je Kanal, und in der PAR wird die
Kürettage für etwa auch 100 € (die ganze Dentition)
angeboten – die wird eben auch von billigem Personal
durchgeführt. Sogar „Estetic dentistry“ hat
einen Markt, die Oberschicht legt Wert auf gutes Aussehen.
In der PAR orientiert man sich nach deutschem Muster, viele
der Kollegen haben in Münster studiert, in der Endo hingegen
nach den USA. Die meisten haben ein Post-Graduate-Studium
an einer amerikanischen Uni nachgelegt, und das merkt man.
In Endo-Praxen stehen überwiegend amerikanische Ausrüstungen.
Einen „Allgemeinzahnarzt“ unserer Ausprägung
sieht man eher selten, mehrere Kollegen mit Spezialgebieten
tun sich zu „Dental Clinics“ zusammen –
man vertritt die Auffassung, damit könne man einen höheren
Therapiestandard erreichen. Das ist eben schon von amerikanischen
Qualitätsansprüchen geprägt. Man findet auch,
natürlich, reichlich deutsches Gerät, Sirona und
KaVo sind nicht selten vertreten. Dabei sind die Einfuhrzölle
astronomisch, die schlagen da mal locker 100 Prozent auf.
Man kann sich´s offensichtlich leisten.
Das Militär hat eigene Ausbildungskapazitäten –
ein zahnärztlicher Kollege hat es tatsächlich zum
General und Chef des Medizindepartements gebracht, in dem
mehr als 150 Zahnärzte (neben den Allgemeinmedizinern)
beschäftigt sind und zahlreichen Studenten das akademische
Rüstzeug vermitteln. An Patienten für die studentische
Ausbildung mangelt es ja auch nicht, Kapazitätsengpässe
gibt es höchstens durch die Zahl der Assistenzärzte.
Überhaupt legt man in Pakistan extrem viel Wert auf Bildung.
Trotz Islam – die Frauen der Oberschicht studieren alle,
insbesondere im Medizinbereich findet sich ein hoher Frauenanteil.
Aber, auch für die breite Masse gilt dies: große
Anzeigenkampagnen, bezahlt von der Regierung, fordern die
Bevölkerung auf, Schulen zu besuchen und sich zu bilden.
Education, das ist ein Schlagwort für Wohlstand, zumindest
in Pakistan.
Das Auslandsstudium steht auch hoch im Kurs, bevorzugt werden
Großbritannien und die USA, aber, auch Deutschland steht
auf der Wunschliste.
Wegen der Besonderheiten des Vielvölkerstaates Pakistan
hat man umgestellt: offizielle Sprache ist, neben dem einheimischen
Urdu, Englisch. Der Unterricht in den Schulen findet in Englisch
statt, ebenso wird in den Ämtern Englisch gesprochen.
Daneben gibt es noch regionale Sprachen, wie Pashtun oder
Muhajir. Die Umstellung auf Englisch als offizielle Sprache
hat den Pakistani sehr geholfen, nun kann es Jeder (es gibt
die Schulpflicht!). Akademikern begegnen die Pakistani mit
großer Hochachtung – Bildung findet große
Anerkennung.
Von wegen primitives Entwicklungsland: man könnte sich
bei uns schon eine Scheibe abschneiden von denen: die strengen
sich so richtig an, und Fortbildung ist besonders stark nachgefragt.
Kann man bei uns ja nicht so sagen, auf den Veranstaltungen
sieht man auch immer nur die gleichen Gesichter… |
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