Gesundheitssystem in Großbritannien

Gesundheitssystem Großbritannien: Arzt mit Flagge

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Eine klassische Krankenversicherung gibt es in England nicht. Das englische Gesundheitssystem wird vom nationalen Gesundheitssystem (NHS) organisiert und gewährt jedem Bürger einen freien Zugang zur medizinischen Versorgung.

Was in der Theorie positiv klingt, führt in der Praxis jedoch zu einigen Problemen. So klagen die Briten häufig über lange Wartezeiten bei Ärzten und Krankenhäusern. Zudem sind die Leistungen nicht klar definiert und keineswegs mit denen einer gesetzlichen Krankenkasse in Deutschland zu vergleichen. Wer in England leben und arbeiten möchte, sollte sich deshalb immer mit einem privaten Zusatzschutz absichern.

Unterschiede deutsche und englische Krankenversicherung

Der größte Unterschied liegt in der Finanzierung. England gehört zu den wenigen Industriestaaten, mit einem nahezu komplett steuerfinanzierten Gesundheitssystem (ähnlich wie das Gesundheitssystem in Dänemark). Lediglich rund vier Prozent der Gesamtkosten stammen aus Zuzahlungen der Patienten. Die freie Arztwahl ist in England sehr stark eingeschränkt. Zu welchem Arzt ein Patient gehen muss hängt in erster Linie von seiner Postleitzahl ab. Falls erforderlich überweist dieser an einen Spezialisten wieder.

Die Inanspruchnahme des NHS ist zum großen Teil kostenlos. Für einige Leistungen wie Arzneimittel, Brillen oder Zahnersatz müssen Zuzahlungen geleistet werden. Im Vergleich zu Deutschland ist die Klinik- und Ärztedichte um einiges geringer. Dies führt insbesondere bei nicht lebenswichtigen Operationen zu langen Wartezeiten. So muss beispielsweise auf eine Hüftoperation mehrere Monate gewartet werden.

Die fachärztliche Behandlung findet in England stets in den Krankenhäusern statt. Zwar dürfen in Kliniken angestellte Ärzte auch Privatpraxen betreiben, die Kosten müssen dann jedoch vom Patienten selbst übernommen werden. Auf alle Ärzte bezogen kommen in England 2,8 Ärzte auf 1000 Einwohner. In Deutschland liegt diese Zahl immerhin bei 0,8 Prozent.

Organisation des nationalen Gesundheitsdienstes in England

Der nationale Gesundheitsdienst ist das größte Gesundheitssystem weltweit und verfügt über einen sehr komplexen Aufbau. Es handelt sich hierbei um eine staatliche Einrichtung, welche unter Regierungsverantwortung steht. Der Gesundheitsdienst ist direkt den vier Gesundheitsministerien in England, Schottland, Wales und Nordirland unterstellt und wird von einem eigenen Beamtenapparat, der NHS-Exekutive (NHSE), geführt. Dieser betreibt in England acht Regionalbüros (Regional Offices), welche eine wichtige Rolle bei der Verbindung von unterster Ebene und Zentrale einnehmen. So sorgen sie beispielsweise dafür, dass neue Beschlüsse regional implementiert werden. Die Health Authorities (HA) sind unterhalb der Regional Offices angesiedelt und für die operative Gesundheitsverwaltung zuständig.

Was die Finanzierung betrifft, gibt es eine Unterteilung in primäre und sekundäre Behandlung. Es gibt dabei zwei unterschiedliche Arten von Fonds. Der Übergabefond oder commissioning trust bietet Hilfe für die Bevölkerung, während der Anbieterfonds oder provider trust Hilfe für diejenigen bereitstellt, die den Service anbieten. Abgedeckt werden insbesondere die folgenden Bereiche:

  • Allgemeinmedizin
  • Öffentliche Krankenpflege
  • Lokale Kliniken
  • Mentale Gesundheitsbehandlungen

Ein Großteil des durch den NHS zur Verfügung gestellten Geldes fließt in die Krankenhäuser, da diese einen Großteil der medizinischen Versorgung übernehmen. Allgemeinärzte werden je nach Bedarf in ihrer Gemeinde ebenfalls unterstützt.

Das englische Hausarztmodell

Die ambulante Grundversorgung wird in England durch praktische Ärzte, Krankenpfleger im sozialen Dienst sowie Hebammen und Gemeindeschwestern übernommen. Die praktischen Ärzte haben, neben im britischen Hausarztmodell, die wichtigste Rolle ein. Erste Anlaufstelle ist immer der lokale Hausarzt, bei dem sich die Patienten in ein Register eintragen. Bei schwerwiegenden Erkrankungen werden diese an einen Facharzt bzw. eine Klinik überwiesen. Einen direkten Facharztzugang sieht das englische Gesundheitssystem somit nicht vor. Für eine freie Arztwahl ist der Abschluss einer privaten Zusatzversicherung erforderlich.

Fachärztliche Behandlungen in Großbritannien

Wer einen Facharzt benötigt wird in der Regel an ein Krankenhaus überwiesen. Eine „doppelte Facharztschiene“ mit Fachärzten in Praxen und Kliniken wie in Deutschland gibt es in England nicht. Die Krankenhausdichte bewegt sich im internationalen Vergleich auf einem sehr niedrigen Niveau. So stehen pro 1000 Einwohner lediglich 3 Akutbetten zur Verfügung. In Deutschland liegt diese Zahl bei 8,3.

Bei den Krankenhäusern muss zwischen staatlichen und kommunalen sowie privaten Kliniken unterschieden werden. Letztere bieten ihre Leistungen ausschließlich für Patienten mit einer privaten Versicherung und Selbstzahler an. Alle anderen müssen sich mit den staatlichen Krankenhäusern begnügen und teilweise lange Wartezeiten in Kauf nehmen. Nach mehreren Reformen ist mittlerweile gelungen, diese auf durchschnittliche sechs Monate zu reduzieren. Nach einer unter Premierminister Tony Blair verabschiedeten Gesetzesänderung können sich Patienten die länger als sechs Monate warten müssen in einer Privatklinik oder im Ausland behandeln lassen.

Welche Leistungen bietet die der NHS?

Einen genauen Leistungskatalog, welche Behandlungen durch den nationalen Gesundheitsdienst kostenlos übernommen werden, gibt es nicht. Im betreffenden Gesetz wird lediglich formuliert, dass „Leistungen in dem Ausmaß zur Verfügung gestellt werden sollen, wie es erforderlich ist, um alle begründeten Anforderungen zu befriedigen“. Allgemein lässt sich jedoch sagen, dass der Besuch beim Hausarzt für Patienten mit keinen Kosten verbunden ist. Gleiches gilt für die Weiterbehandlung in einer staatlichen Klinik. Notfallbehandlungen werden durch den NHS ebenfalls in vollem Umfang abgedeckt.

Bei Zahnbehandlungen und Zahnersatz muss jedoch mit recht hohen Zuzahlungen gerechnet werden. Bis zu 80 Prozent müssen hier von den Patienten aus eigener Tasche bezahlt werden. Sehhilfen und Augentests werden vom NHS nur geringfügig bezuschusst. Zudem gibt es eine Gebühr für Arzneimittel. Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren sowie Rentner und Personen mit einem geringen Einkommen sind von den Zuzahlungen bei Arzneimitteln befreit.

Wer hat Anspruch auf die NHS Versorgung?

Die folgenden Gruppen können die kostenlosen und bezuschussten Leistungen des NHS immer in Anspruch nehmen:

  • Alle Personen, die mindestens ein Jahr legal in Großbritannien gelebt haben.
  • Bürger anderer EU-Staaten.
  • Studenten mit einer Mindeststudienzeit von sechs Monaten.
  • Inhaber einer britischen Arbeitserlaubnis

Zudem gibt es mit einer Reihe von Staaten bilaterale Abkommen zur Gesundheitsversorgung. Bürger dieser Staaten können die Dienste des NHS ebenfalls in Anspruch nehmen, wobei diese jedoch zumeist auf die Notfallversorgung begrenzt sind. Hierzu gehören beispielsweise Russland, Türkei oder die Schweiz.

Private Versicherungen für England

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Rund 20 Prozent der Briten sind mittlerweile im Besitz einer privaten Krankenversicherung. Privatpatienten haben den Vorteil, dass sie sich ihren Arzt frei aussuchen können. Allerdings werden Versicherte bei jedem Arztbesuch direkt zur Kasse gebeten. Für den ersten Check-up fallen etwa 50 £ an. Jede weitere Behandlung bei Fachärzten schlägt mit 150 bis 350 £ zu Buche. Die Kosten kann man sich anschließend von seiner privaten Krankversicherung erstatten lassen.

Das Angebot an privaten Krankenversicherungen ist in England sehr groß. Angeboten werden Policen für Einzelpersonen wie auch Familien. Auf Wunsch kann die Versicherung auch ausschließlich für Kinder und Jugendliche abgeschlossen werden.

Die private Krankenversicherung bietet unter anderem die folgenden Leistungen an:

  • Freie Wahl von Arzt und Krankenhaus
  • Kosten für Fachärzte bis zu den in der Fachgebührenordnung genannten Höchstsätze
  • Diagnostische Tests einschließlich Röntgenstrahlen, Scans und EKGs
  • Strahlentherapie/Chemotherapie
  • Physiotherapie, Osteopathie und Chiropraktik
  • Umfangreiche Unterstützung bei Krebserkrankungen

Zu den beliebtesten Angeboten gehört die Zahnversicherung. Bei Behandlungen über den nationalen Gesundheitsdienst müssen Patienten mit Zuzahlungen von bis zu 80 Prozent rechnen. Eingeschlossen sind in der Regel die folgenden Leistungen:

  • Allgemeine Routineuntersuchungen inkl. Röntgen und Prophylaxe
  • Sanierungsbehandlungen mit Füllungen, Kronen und Zahnersatz
  • unerwartete Sanierungs oder restaurative Zahnbehandlungen, einschließlich Abdeckung für Mundkrebs
  • Weltweite Deckung bei Unfällen und Zahnreparaturen

Bei den meisten Versicherern können Kunden frei festlegen welcher Prozentsatz durch die Zahnversicherung übernommen wird. In der Regel ist eine Absicherung von bis zu 100 Prozent möglich.

Eine Besonderheit sind die speziellen Policen bei Krebserkrankungen. Versicherte können sich damit die besten Therapien sichern und hohe Zusatzkosten vermeiden.

Größten Anbieter von privaten Krankenversicherungen in England

Auf dem englischen Markt tummelt sich eine Vielzahl von Anbietern mit unterschiedlichen Angeboten. Bei den Prämien gibt es teilweise deutliche Unterschiede, sodass sich ein genauer Vergleich in jedem Falle lohnt.

Mit rund zwei Millionen Kunden gehört AXA auch in England zu den größten Anbietern von privaten Krankenversicherungen. Zum Produktportfolio gehört neben einer ambulanten Zusatzversicherung auch eine Zahnversicherung sowie eine spezielle Kinder Krankenversicherung. Um bei der Prämie zu sparen bietet der Versicherer eine 6-Wochen-Option an. Ist eine Behandlung innerhalb dieser Zeit durch den NHS nicht möglich, kann die private Krankenversicherung in Anspruch genommen werden.

Die Bupa Krankenversicherung kann ebenfalls mit einem großen Portfolio an privaten Krankenversicherungen aufwarten. Der Versicherer legt dabei einen besonderen Fokus auf Krebserkrankungen. So werden beispielsweise Medikamente bezahlt, die vom NHS noch nicht genehmigt sind. Nach eigenen Angaben erhalten Versicherte innerhalb von zwei Tagen einen Termin beim Facharzt.

Weitere bekannte Versicherer sind:

  • Western Provident Association (WPA)
  • Simply Health
  • Saga Services Limited
  • Friends Life
  • AEGON

Versicherungsvergleiche sind wie in Deutschland problemlos über das Internet möglich.

Krankenversicherung für Auswanderer nach England

Um die kompletten Leistungen des NHS in Anspruch zu nehmen, wird eine National Insurance Number benötigt. Diese kann beim örtlich zuständigen Social Security Office durch Vorlage von Pass, Arbeitsvertrag und einem Adressnachweis beantragt werden. Im Anschluss wird eine NHS card ausgestellt, welche bei jedem Arzt- und Krankenhausbesuch vorgezeigt werden muss. Wichtig ist es zudem, sich rechtzeitig bei einem Hausarzt zu registrieren. Dies ist gar nicht so einfach, da viele Ärzte aufgrund von Arbeitsbelastung keine NSH Patienten mehr annehmen. Deshalb ist es ratsam, möglichst frühzeitig eine private Krankenversicherung abzuschließen.

Bei Arbeitnehmern, die von ihrem Unternehmen für maximal 12 Monate nach England entsendet wurden, greift das Sozialversicherungsabkommen. Sie können somit das gesamte Angebot des staatlichen Gesundheitsdienstes in Anspruch nehmen. Gleichwohl ist es auch in diesem Falle ratsam, eine private Zusatzversicherung abzuschließen.

Krankenversicherung für Studenten in England

Wer in England studieren möchte, sollte nach Möglichkeit bereits in Deutschland eine Auslandskrankenversicherung abschließen. Studenten, die sich länger als sechs Monate Monat aufhalten, können auf alle Leistungen des Gesundheitssystems zugreifen. Bei einem kürzeren Aufenthalt sind diese oftmals eingeschränkt. Sofern eine kostenlose Mitversicherung in der gesetzlichen Krankenversicherung besteht, immer die Europäische Krankenversicherungskarte (EHIC) mitnehmen. Diese schützt in vielen Bereichen vor ansonsten fälligen Zuzahlungen.

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