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Großbritannien gib es seit über 50 Jahren den NHS
= National Health Service. Bei der Gründung 1948 war
der Grundsatz der Gleichbehandlung entscheidend. Alle Menschen
Großbritanniens sollten Zugang zu den gleichen medizinisch
notwendigen Leistungen erhalten – egal ob reich oder
arm. Somit ist allen Bewohnern eine medizinische Grundversorgung
garantiert. Die Behandlung beim Arzt ist kostenlos, Praxisgebühren
oder Selbstbeteiligungen gibt es nicht. Bei Medikamenten muss
im Normalfall zugezahlt werden. Man bekommt allerdings recht
leicht eine Zuzahlungsbefreiungen (z.B. Kinder und Rentner),
so dass nicht mal die Hälfte der Kranken die Zuzahlungen
zu leisten haben. Des weiteren werden für Zahnbehandlungen
und Brillen Zuzahlungen gefordert.
Die Bürger Großbritanniens können sich auch
privat absichern. 2003 besaßen bereits ca. 15% der Bevölkerung
eine Zusatzversicherung, Tendenz steigend. Es gibt auch die
Möglichkeit einer privaten Vollversicherung. Doch obwohl
diese Versicherten den NHS nicht in Anspruch nehmen, erhalten
sie keinerlei Steuererleichterungen.
Hausarztsystem
Die erste Untersuchung wird im Normalfall
von einem Hausarzt, sprich General Practitioner (GP) durchgeführt.
Der Postleitzahlenbereich bestimmt dabei, zu welchen GP man
zu gehen hat. In Städten gibt es meist mehrere GPs in
einem Bezirk. Die Auswahlmöglichkeiten sind jedoch relativ
gesehen gering. Der GP ist, anders als in Deutschland, auch
für die Krebsvorsorgeuntersuchungen der Frauen und die
Versorgung der Kinder bei Windpocken zuständig. Bei Bedarf
überweist dieser dann an einen Spezialisten oder an ein
Krankenhaus weiter. GPs arbeiten häufig in Gemeinschaftspraxen
oder Ärztezentren. Meist werden dort auch gleich weitere
Dienste wie z.B. Fußpflege, Physiotherapie oder auch
zahnmedizinische Dienste angeboten.
Bezahlt werden die GPs über über Kopfpauschalen,
die sich über Patientenlisten ergeben. Zudem können
die Leistungen, die über die Primärversorgung hinausgehen,
aber vom GP (also nicht vom Facharzt) erbracht werden können,
als zusätzliche Leistungen (fee-for-service) abgegolten
werden.
Finanzierung
Mehr als 70% der Finanzierung wird durch
Steuereinnahmen geleistet. Gut 20% sind Sozialabgaben, weitere
5% sind diverse Gebühren. Das Gesundheitssystem Großbritanniens
ist somit ein im Großen und Ganzem steuerfinanziertes,
staatliches System. Leider zeigt sich immer deutlicher, dass
diese Finanzierung nicht ausreichend funktioniert. So gab
es im Finanzjahr 2005/2006 ein Defizit von 750 Mio. EURO.
Reformen, Streichungen und das Einbeziehen privater Unternehmen
sollen nun helfen, das Gesundheitswesen finanziell wieder
in den Griff zu bekommen. Mit der Art des Gesundheitswesens
sind die meisten Bewohner Großbritanniens übrigens
zufrieden. Laut einer Umfrage (November 2005) von CWF (Commonwealth
Fund) unter der Leistung des in Deutschland ansässigen
Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im
Gesundheitswesen (http://www.iqwig.de/hohes-qualitaetsniveau-im-deutschen.327.html
) waren nur 13% der Befragten Personen der Ansicht, man müsse
das System grundlegend ändern.
Organisation des NHS
Es gibt folgende Institutionen bzw. Einrichtungen:
Department of Health
Modernisation Agency
National Institute for Clinical Excellence (NICE)
Strategic Health Authorities
Special Health Authorities
Primary Care Trusts (PCTs)
Secondary Care Trusts
NHS direct
Walk-in Centres
Family health services
Das Department of Health hat eine Kotrollfunktion.
Es überwacht die nachgestellten Verwaltungseinheiten,
insbesondere bezüglich Ausgaben und der Erbringung bzw.
Nichterbringung von Leistungen. Es ist auch für die Finanz-
und Ressourcenverwaltung verantwortlich. Das Department von
Health verwaltet den NHS nicht alleine, sondern in enger Zusammenarbeit
mit den Strategic Health Authorities. Diese wiederum arbeiten
zusammen mit den Primary und den Secondary Care Trusts und
überprüfen dabei die Ausgestaltung der Gesundheitsdienste.
Das Modernisation Agency ist für Innovationen und Modernisierungen
zuständig. Eine noch recht neue Einrichtung.
Das NICE ist zuständig für die Ausarbeitung von
Standards, die eine bestmögliche klinische Vorgehensweise
ermöglichen. Nutzen und Kosteneffizienz werden genau
unter die Lupe genommen.
Die Special Health Authorities nehmen eine Zwischenhierarchiestellung
ein. Sie unterstehen natürlich dem Department of Health,
sind aber den Trusts übergeordnet.
Die PCTs sind zuständig für die Planung der Gesundheitsdienstleistungen.
Sie regulieren des weiteren die Überweisungen durch die
GPs und sind für die Verbesserung des Gesundheitszustandes
der Bevölkerung zuständig. Hier gibt es eine Aufteilung
in einzelne Regionen. So, wie die PCTs in heutiger Form bestehen,
wurden sie erst im Jahr 2000 gegründet. Sie sind für
das funktionieren des NHS von enormer Bedeutung und benötigen
auch 75% des NHS-Budgets. Ihre Arbeit wird zusätzlich
von den Strategic Health Authorities direkt überwacht.
Die Secondary Care Trusts bieten sog. “secondary care”
an. Hierzu gehören:
Care Trusts: Diese bieten Gesundheits- und Sozialdienstleistungen
in einem an. Menschen, die von sozialen Diensten abhängig
sind, haben häufig Probleme mit den Barrieren, die sich
durch das Nebeneinander von Gesundheits- und Sozialdiensten
ergeben. (Normalerweise ist soziale Versorgung durch „local
councils“ geregelt und die Gesundheitsdienste durch
den NHS.)
NHS Trusts: Das sind im Prinzip Krankenhäuser in Selbstverwaltungsorganisation.
Foundation Trusts: Das sind auch Krankenhäuser, allerdings
mit einer anderen Art der Verwaltung. Sie werden z.B. nach
Leistung bezahlt, erhalten mehr Geld, wenn sie mehr Patienten
behandeln. Ihnen werden mehr Freiheiten, sowohl finanziell
als auch operationell zugestanden. Foundation Trusts gibt
es noch nicht lange. Die ersten wurden erst Mitte 2004 gegründet.
NHS Trusts können bei bestimmten gute Leistungen in Foundation
Trusts umgewandelt werden. (Patienten, die ins Krankenhaus
müssen, haben die Wahl zwischen vier verschiedenen Krankenhäusern,
eines davon darf privat geführt sein. Sog. "Independent
Sector Treatment Center", das sind von privaten Unternehmen
geführte Operationszentren, führen dabei gegen Bezahlung
auch kleinere Operationen für NHS-Patienten durch.)
NHS direct ist ein Telefonservice. Hier geben Krankenschwestern
Tipps und Anleitungen für Eigenbehandlungen oder, sofern
nötig, leiten sie die Anrufenden an den entsprechenden
Service weiter. NHS direct soll die GPs entlasten. (Man hört
allerdings von den GPs immer wieder, dass das nicht funktoniert.)
Die Website des NHS direct http://www.nhsdirect.nhs.uk hat
über 200000 Besucher im Monat.
In Walk-in Centres arbeiten auch Krankenschwestern. Sie behandeln
bei einfachen Erkrankungen und Verletzungen.
Die medizinische Grundversorgung ist Aufgabe der Family health
services und zwar bei GPs, Zahn- und Augenärzten und
Apotheken.
Es wird in unterschiedliche Versorgungsebenen
eingeteilt. Primary care steht dabei für die Versorgung
innerhalb der Gemeinde, secondary care bezieht sich auf die
Versorgung durch Spezialisten. Teilweise wird auch noch von
tertiary care gesprochen. Hierunter wird dann spezielle Spitzenmedizin
verstanden. Direkten Zugang haben die Patienten in England
somit nur zur Primary care.
Die aktuellen Reformbemühungen
- The NHS Plan
Das Gesundheitssystem ist unterfinanziert
und die langen Wartezeiten bei Fachärzten und im stationären
Bereich sind kaum mehr tragbar. Aus diesem Grunde läuft
seit Juli 2000 unter den Titel: „The NHS Plan –
A Plan for Investment. A Plan for Reform“ ein enormes
Reformprogramm, das viele Veränderungen am NHS bis zum
Jahre 2010 umzusetzen versucht. Einige Kernpunkte des Reformprogramms
sind:
Investitionen: Sowohl in NHS-Einrichtungen (z.B. Erhöhung
der Bettenzahl in den Krankenhäusern, Verbesserungen
bei Verpflegung und Hygiene) als auch in das Personal im NHS
(z.B. Erhöhung der Anzahl der Chefärzte und GPs,
mehr Mittel für die Ausbildung, zusätzliche Stellen
für Krankenschwestern).
Mehr Studienplätze für Medizinstudenten;
Veränderungen an den Vertragsbedingungen für die
Ärzte des NHS;
Die Wartezeiten für Heilbehandlungen sollen verkürzt
werden.
Verbesserung der Gesundheit, vor allem in einkommensschwachen
Gegenden;
Ausweitung des Krebsvorsorgeuntersuchungsprogramms;
Bessere soziale Absicherung für ältere Menschen
(z.B. kostenlosere NHS-Gesundheitscheck für Rentner);
Unterstützung durch private Unternehmen (z.B. Independent
Sector Treament Centres);
National Performance Fund – ein Fonds, der besondere
Leistungen finanziell belohnt. Im Fonds sind ca. 750 Millionen
EURO enthalten.
Mehr Care-Trusts
Digitalisierung der Patientendaten
Verbesserte Sicherheit am Arbeitsplatz; um dieses Ziel zu
erreichen wurde der „NHS Plus“ eingerichtet. Dieser
unterstützt kleinere und mittelständische Betriebe
bei der Verbesserung der Arbeitsplätze.
Allgemein lässt sich sagen, dass die Labour-Regierung
mit dem NHS Plan versucht, mit marktnäheren Strukturen,
sowohl die Qualität, als auch die Effizienz zu verbessern.
„Practice Nurse“ –
nicht nur der Arzt darf verschreiben
In England darf eine Krankenschwester, wenn
sie die entsprechende Zusatzausbildung hat, nach bestimmten
vorgegebenen Richtlinien Medikamente verschreiben. Eine „Practice
Nurse“ arbeitet dabei in einer hausärztlichen Praxis
und ist betraut mit der Versorgung chronisch Kranker und der
Neuaufnahme von Patienten. Zugang zu dieser Kompetenzerweiterung
erhielten die Krankenschwestern ursprünglich aufgrund
eines massiven Ärztemangels. Untersuchungen zeigten jedoch
auch, dass Kontroll- und Routineuntersuchungen nach Richtlinien
von den Krankenschwestern ebenso gut wie von Ärzten gemacht
werden. Ein Beispiel für so eine Untersuchung: Die Nachsorge
bei Patienten nach koronaren Bypass-Operationen. Diese wird
zum Großteil von „Practice Nurses“ durchgeführt.
Ziel ist es dabei natürlich auch, weiterhin die Kosten
des Gesundheitssystems zu senken. Krankenschwestern sollen
dabei auch verstärkt für die ambulante Versorgung
eingesetzt werden. So zeigte ein in Glasgow durchgeführtes
Projekt, dass durch die gezielte Betreuung von Patienten mit
Herzinsuffienz, deren Einweisungsrate ins Krankenhaus halbiert
werden konnte. Da diese spezielle Patientengruppe äußerst
lange Liegezeiten hat, zeigt sich hier ein weiteres enormes
Einsparpotential.
Diese Beispiele machen deutlich, dass Krankenschwestern im
Gesundheitssystem Großbritanniens sehr gezielt eingesetzt
werden.
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