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Das Gesundheitssystem - Krankenversicherungs-Wesen Großbritanniens
(Stand September 06)
   

In Großbritannien gib es seit über 50 Jahren den NHS = National Health Service. Bei der Gründung 1948 war der Grundsatz der Gleichbehandlung entscheidend. Alle Menschen Großbritanniens sollten Zugang zu den gleichen medizinisch notwendigen Leistungen erhalten – egal ob reich oder arm. Somit ist allen Bewohnern eine medizinische Grundversorgung garantiert. Die Behandlung beim Arzt ist kostenlos, Praxisgebühren oder Selbstbeteiligungen gibt es nicht. Bei Medikamenten muss im Normalfall zugezahlt werden. Man bekommt allerdings recht leicht eine Zuzahlungsbefreiungen (z.B. Kinder und Rentner), so dass nicht mal die Hälfte der Kranken die Zuzahlungen zu leisten haben. Des weiteren werden für Zahnbehandlungen und Brillen Zuzahlungen gefordert.
Die Bürger Großbritanniens können sich auch privat absichern. 2003 besaßen bereits ca. 15% der Bevölkerung eine Zusatzversicherung, Tendenz steigend. Es gibt auch die Möglichkeit einer privaten Vollversicherung. Doch obwohl diese Versicherten den NHS nicht in Anspruch nehmen, erhalten sie keinerlei Steuererleichterungen.

Hausarztsystem

Die erste Untersuchung wird im Normalfall von einem Hausarzt, sprich General Practitioner (GP) durchgeführt. Der Postleitzahlenbereich bestimmt dabei, zu welchen GP man zu gehen hat. In Städten gibt es meist mehrere GPs in einem Bezirk. Die Auswahlmöglichkeiten sind jedoch relativ gesehen gering. Der GP ist, anders als in Deutschland, auch für die Krebsvorsorgeuntersuchungen der Frauen und die Versorgung der Kinder bei Windpocken zuständig. Bei Bedarf überweist dieser dann an einen Spezialisten oder an ein Krankenhaus weiter. GPs arbeiten häufig in Gemeinschaftspraxen oder Ärztezentren. Meist werden dort auch gleich weitere Dienste wie z.B. Fußpflege, Physiotherapie oder auch zahnmedizinische Dienste angeboten.
Bezahlt werden die GPs über über Kopfpauschalen, die sich über Patientenlisten ergeben. Zudem können die Leistungen, die über die Primärversorgung hinausgehen, aber vom GP (also nicht vom Facharzt) erbracht werden können, als zusätzliche Leistungen (fee-for-service) abgegolten werden.

Finanzierung

Mehr als 70% der Finanzierung wird durch Steuereinnahmen geleistet. Gut 20% sind Sozialabgaben, weitere 5% sind diverse Gebühren. Das Gesundheitssystem Großbritanniens ist somit ein im Großen und Ganzem steuerfinanziertes, staatliches System. Leider zeigt sich immer deutlicher, dass diese Finanzierung nicht ausreichend funktioniert. So gab es im Finanzjahr 2005/2006 ein Defizit von 750 Mio. EURO. Reformen, Streichungen und das Einbeziehen privater Unternehmen sollen nun helfen, das Gesundheitswesen finanziell wieder in den Griff zu bekommen. Mit der Art des Gesundheitswesens sind die meisten Bewohner Großbritanniens übrigens zufrieden. Laut einer Umfrage (November 2005) von CWF (Commonwealth Fund) unter der Leistung des in Deutschland ansässigen Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (http://www.iqwig.de/hohes-qualitaetsniveau-im-deutschen.327.html ) waren nur 13% der Befragten Personen der Ansicht, man müsse das System grundlegend ändern.

Organisation des NHS

Es gibt folgende Institutionen bzw. Einrichtungen:
Department of Health
Modernisation Agency
National Institute for Clinical Excellence (NICE)
Strategic Health Authorities
Special Health Authorities
Primary Care Trusts (PCTs)
Secondary Care Trusts
NHS direct
Walk-in Centres
Family health services

Das Department of Health hat eine Kotrollfunktion. Es überwacht die nachgestellten Verwaltungseinheiten, insbesondere bezüglich Ausgaben und der Erbringung bzw. Nichterbringung von Leistungen. Es ist auch für die Finanz- und Ressourcenverwaltung verantwortlich. Das Department von Health verwaltet den NHS nicht alleine, sondern in enger Zusammenarbeit mit den Strategic Health Authorities. Diese wiederum arbeiten zusammen mit den Primary und den Secondary Care Trusts und überprüfen dabei die Ausgestaltung der Gesundheitsdienste.
Das Modernisation Agency ist für Innovationen und Modernisierungen zuständig. Eine noch recht neue Einrichtung.
Das NICE ist zuständig für die Ausarbeitung von Standards, die eine bestmögliche klinische Vorgehensweise ermöglichen. Nutzen und Kosteneffizienz werden genau unter die Lupe genommen.
Die Special Health Authorities nehmen eine Zwischenhierarchiestellung ein. Sie unterstehen natürlich dem Department of Health, sind aber den Trusts übergeordnet.
Die PCTs sind zuständig für die Planung der Gesundheitsdienstleistungen. Sie regulieren des weiteren die Überweisungen durch die GPs und sind für die Verbesserung des Gesundheitszustandes der Bevölkerung zuständig. Hier gibt es eine Aufteilung in einzelne Regionen. So, wie die PCTs in heutiger Form bestehen, wurden sie erst im Jahr 2000 gegründet. Sie sind für das funktionieren des NHS von enormer Bedeutung und benötigen auch 75% des NHS-Budgets. Ihre Arbeit wird zusätzlich von den Strategic Health Authorities direkt überwacht.
Die Secondary Care Trusts bieten sog. “secondary care” an. Hierzu gehören:
Care Trusts: Diese bieten Gesundheits- und Sozialdienstleistungen in einem an. Menschen, die von sozialen Diensten abhängig sind, haben häufig Probleme mit den Barrieren, die sich durch das Nebeneinander von Gesundheits- und Sozialdiensten ergeben. (Normalerweise ist soziale Versorgung durch „local councils“ geregelt und die Gesundheitsdienste durch den NHS.)
NHS Trusts: Das sind im Prinzip Krankenhäuser in Selbstverwaltungsorganisation.
Foundation Trusts: Das sind auch Krankenhäuser, allerdings mit einer anderen Art der Verwaltung. Sie werden z.B. nach Leistung bezahlt, erhalten mehr Geld, wenn sie mehr Patienten behandeln. Ihnen werden mehr Freiheiten, sowohl finanziell als auch operationell zugestanden. Foundation Trusts gibt es noch nicht lange. Die ersten wurden erst Mitte 2004 gegründet. NHS Trusts können bei bestimmten gute Leistungen in Foundation Trusts umgewandelt werden. (Patienten, die ins Krankenhaus müssen, haben die Wahl zwischen vier verschiedenen Krankenhäusern, eines davon darf privat geführt sein. Sog. "Independent Sector Treatment Center", das sind von privaten Unternehmen geführte Operationszentren, führen dabei gegen Bezahlung auch kleinere Operationen für NHS-Patienten durch.)
NHS direct ist ein Telefonservice. Hier geben Krankenschwestern Tipps und Anleitungen für Eigenbehandlungen oder, sofern nötig, leiten sie die Anrufenden an den entsprechenden Service weiter. NHS direct soll die GPs entlasten. (Man hört allerdings von den GPs immer wieder, dass das nicht funktoniert.) Die Website des NHS direct http://www.nhsdirect.nhs.uk hat über 200000 Besucher im Monat.
In Walk-in Centres arbeiten auch Krankenschwestern. Sie behandeln bei einfachen Erkrankungen und Verletzungen.
Die medizinische Grundversorgung ist Aufgabe der Family health services und zwar bei GPs, Zahn- und Augenärzten und Apotheken.

Es wird in unterschiedliche Versorgungsebenen eingeteilt. Primary care steht dabei für die Versorgung innerhalb der Gemeinde, secondary care bezieht sich auf die Versorgung durch Spezialisten. Teilweise wird auch noch von tertiary care gesprochen. Hierunter wird dann spezielle Spitzenmedizin verstanden. Direkten Zugang haben die Patienten in England somit nur zur Primary care.

Die aktuellen Reformbemühungen - The NHS Plan

Das Gesundheitssystem ist unterfinanziert und die langen Wartezeiten bei Fachärzten und im stationären Bereich sind kaum mehr tragbar. Aus diesem Grunde läuft seit Juli 2000 unter den Titel: „The NHS Plan – A Plan for Investment. A Plan for Reform“ ein enormes Reformprogramm, das viele Veränderungen am NHS bis zum Jahre 2010 umzusetzen versucht. Einige Kernpunkte des Reformprogramms sind:
Investitionen: Sowohl in NHS-Einrichtungen (z.B. Erhöhung der Bettenzahl in den Krankenhäusern, Verbesserungen bei Verpflegung und Hygiene) als auch in das Personal im NHS (z.B. Erhöhung der Anzahl der Chefärzte und GPs, mehr Mittel für die Ausbildung, zusätzliche Stellen für Krankenschwestern).
Mehr Studienplätze für Medizinstudenten;
Veränderungen an den Vertragsbedingungen für die Ärzte des NHS;
Die Wartezeiten für Heilbehandlungen sollen verkürzt werden.
Verbesserung der Gesundheit, vor allem in einkommensschwachen Gegenden;
Ausweitung des Krebsvorsorgeuntersuchungsprogramms;
Bessere soziale Absicherung für ältere Menschen (z.B. kostenlosere NHS-Gesundheitscheck für Rentner);
Unterstützung durch private Unternehmen (z.B. Independent Sector Treament Centres);
National Performance Fund – ein Fonds, der besondere Leistungen finanziell belohnt. Im Fonds sind ca. 750 Millionen EURO enthalten.
Mehr Care-Trusts
Digitalisierung der Patientendaten
Verbesserte Sicherheit am Arbeitsplatz; um dieses Ziel zu erreichen wurde der „NHS Plus“ eingerichtet. Dieser unterstützt kleinere und mittelständische Betriebe bei der Verbesserung der Arbeitsplätze.
Allgemein lässt sich sagen, dass die Labour-Regierung mit dem NHS Plan versucht, mit marktnäheren Strukturen, sowohl die Qualität, als auch die Effizienz zu verbessern.

„Practice Nurse“ – nicht nur der Arzt darf verschreiben

In England darf eine Krankenschwester, wenn sie die entsprechende Zusatzausbildung hat, nach bestimmten vorgegebenen Richtlinien Medikamente verschreiben. Eine „Practice Nurse“ arbeitet dabei in einer hausärztlichen Praxis und ist betraut mit der Versorgung chronisch Kranker und der Neuaufnahme von Patienten. Zugang zu dieser Kompetenzerweiterung erhielten die Krankenschwestern ursprünglich aufgrund eines massiven Ärztemangels. Untersuchungen zeigten jedoch auch, dass Kontroll- und Routineuntersuchungen nach Richtlinien von den Krankenschwestern ebenso gut wie von Ärzten gemacht werden. Ein Beispiel für so eine Untersuchung: Die Nachsorge bei Patienten nach koronaren Bypass-Operationen. Diese wird zum Großteil von „Practice Nurses“ durchgeführt. Ziel ist es dabei natürlich auch, weiterhin die Kosten des Gesundheitssystems zu senken. Krankenschwestern sollen dabei auch verstärkt für die ambulante Versorgung eingesetzt werden. So zeigte ein in Glasgow durchgeführtes Projekt, dass durch die gezielte Betreuung von Patienten mit Herzinsuffienz, deren Einweisungsrate ins Krankenhaus halbiert werden konnte. Da diese spezielle Patientengruppe äußerst lange Liegezeiten hat, zeigt sich hier ein weiteres enormes Einsparpotential.
Diese Beispiele machen deutlich, dass Krankenschwestern im Gesundheitssystem Großbritanniens sehr gezielt eingesetzt werden.

 

 

 
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